23.08.2012 Campus & Karriere

Frühe Förderung entfaltet maximales

Lernpotenzial (Bild: AP-Archiv)

Modernes Lernen für maximales Potenzial

"Schule im Aufbruch" versucht ein neues Lehrkonzept

Von Verena Kemna

 

Das kindliche Gehirn ist quasi von Natur aus hochbegabt im Lernen von Neuem. Es muss nur die Möglichkeit haben, alle Potenziale zu entwickeln. Das kann mit einem Schul- und Lehrsystem aus dem 19. Jahrhundert kaum gelingen. Genau da setzt  "Schule im Aufbruch" an.

Wenn Schüler ihre Potenziale bestmöglich entfalten können, gemeinsam mit ihren Mitschülern selbstständig und voller Freude Wissen erwerben, statt unmotiviert auswendig zu lernen, dann haben sie Glück und besuchen eine der wenigen "Schulen im Aufbruch", die sich in Deutschland für eine neue Lernkultur starkmachen. Margret Rasfeld, die Direktorin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, leitet eine solche Schule.

Basis einer kreativen Lernkultur sind sogenannte Lernbüros. Hier lernen Schüler nach Themenbausteinen, entscheiden selbst, wann sie genug wissen und geprüft werden wollen. Keiner lernt für sich allein, sondern alle lernen miteinander und voneinander, erklärt Margret Rasfeld.

"Wir bieten diese Bausteine auf verschiedenen Niveaus an, sodass Schüler, die in einem Fach mehr Schwierigkeiten haben, auch etwas Einfacheres machen können. Das Wichtige ist, die sitzen da und lernen und sonst steht da ein Lehrer vor dir und sagt, was du tun sollst. Das ist ja ein völlig anderes Format und eine völlig andere Botschaft: Pflicht erfüllen oder für mich zu lernen, Verantwortung zu übernehmen."

Die Initiative "Schule im Aufbruch" hat sich Teamarbeit, Spaß und Inspiration statt Druck, Wettbewerb und Angst auf die Fahne geschrieben. Das gelingt nur mit einer guten Beziehungskultur, meint Schulleiterin Rasfeld. Schüler und Lehrer übernehmen ganz andere Rollen als in herkömmlichen Schulen.

"Jedes Kind hat einen Lehrer als Coach über mehrere Jahre, jeder Lehrer hat 13 Schüler als seine Tutanten und jeder Lehrer hat zwei Stunden in der Woche für Gespräche mit den Kindern."

Der Lehrer wird zum Tutor, zur Vertrauensperson, die ermutigt, nachfragt, unterstützt und, vor allem: Zeit hat. Das ist im herkömmlichen Schulsystem nicht vorgesehen, kritisiert Margret Rasfeld.

"Lehrer-, Fachlehrer müssen alle 15 Minuten woanders hinrennen, haben am Tag 100, 150 Kinder, sie können gar keine Beziehung aufbauen. Bei uns hat ein Klassenlehrer 14 bis 16 Stunden mit seinen Kids. Wir haben die Schule als Teamschule organisiert und es ist ganz viel Raum für Beziehung, um junge Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten."

An ihrer Schule gibt es auch ganz neue Fächer wie etwa das Schulfach "Verantwortung". Dahinter steckt unter anderem das Wissen um Zeitmanagement. Ein anderes Fach heißt ganz einfach: Herausforderung. Jeder Schüler sucht sich selbst eine Herausforderung, die in der Gruppe gemeinsam gemeistert wird. Das kann eine Fahrradtour sein, ein Ausflug in den Kletterwald oder eine Nachtwanderung. Es geht um gemeinsames Erleben und viele Emotionen. Die sind ohnehin Grundlage für jedes Lernen, erklärt der Hirnforscher Gerald Hüther von der Universität Göttingen.

"Wenn man es in ein ganz einfaches Bild gießt, dann heißt es, wir haben alle im Hirn eine Art Gießkanne mit Dünger drin. Der kommt aber nur raus, wenn es uns unter die Haut geht, das heißt mit anderen Worten, man kann anders gar nicht lernen, außer dass es unter die Haut geht."

Liegen die emotionalen Zentren im Gehirn aber brach, wird die Aneignung von Wissen unmöglich, erklärt der Neurobiologe. Dazu kommt die wissenschaftliche Erkenntnis, dass sich jeder nur selbst Wissen aneignen kann. Zwanghaft Erlerntes wird schnell wieder vergessen. Belohnungs- und Strafsysteme funktionieren beim Lernen nicht. Emotionen dagegen sind im Meer der Wahrnehmungen so etwas wie kleine Ausrufezeichen. Sie helfen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, erklärt Hirnforscher Gerald Hüther.

"Am Ende muss der Lernstoff deshalb emotional bedeutsam sein, weil man ihn gebrauchen kann und weil man sich Wissen mit anderen gemeinsam erschließt."

Dass die Initiative "Schule im Aufbruch" mehr ist als eine schöne Utopie zeigen die vielen Schulen, die die neue Lernkultur bereits praktizieren. Für ihr Engagement hat eine Gesamtschule in Göttingen den Deutschen Schulpreis gewonnen und in der evangelischen Schule Berlin-Zentrum soll das neue Schulkonzept demnächst auch in der Oberstufe umgesetzt werden.

Heike Thiel